Im Wald

und an seinen Rändern

Ausstellungen:

Showroom Glampe, Berlin

Kunstverein Schieder-Schwalenberg


Katalog

Landschaft – wie passt das ins Bild eines Fotografen, der sich vornehmlich mit Fotografie auseinandersetzt? Martin Zellerhoff sagt dazu: „Es geht mir nicht um Sträucher und Bäume, sondern um Farben, Flächen, Komposition. Und damit natürlich auch eine Konstruktion, die sich auf die Geschichte des Mediums beruft, mit dem ich arbeite. Meine Bilder sind nicht Bilder über Natur. Sie sind Bilder von unserem Umgang mit Natur.“

Kati Gausmann

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Wenn ich einen Waldweg entlang gehe, schaue ich mich um, um einen Blick zu finden, den ich als Bild verwenden könnte. Der Entschluss, mich umzusehen, verändert meinen Blick auf den Wald. So wie das Aussehen des Waldes natürlicherweise auch.“ 

Eine Bild über unser Bild der Natur: Wir sehen den Wald als urwüchsiges Stück Natur, obwohl er meist das genaue Gegenteil ist. Ein Kulturraum, der von Menschen gepflegt und irgendwann auch gerodet wird. Doch dies blenden wir in unserer – von der Romantik beeinflussten – Betrachtungsweise aus. „Im Wald und an seinen Rändern“ als Naturstudie zu verstehen, wäre zweifellos zu kurz geschossen. Es ist vielmehr eine Fortsetzung von Zellerhoffs Arbeiten zur Veränderung unserer Wahrnehmung beeinflusst durch die Bilder, die wir sehen. 

Der Ausgangspunkt Zellerhoffs für diese Arbeit ist der scheinbare Widerspruch zwischen unserer Sehnsucht nach Natur und dem Wissen, dass von der Natur bald nicht viel mehr als ein romantisierendes Bild bleibt, wenn wir Menschen nicht unser Verhalten ändern. 





Martin-Zellerhoff-Geisterwald

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Im Wald und an seinen Rändern


Martin Zellerhoff

Mit einem Vorwort von Brigitte Labs-Ehlert.

36 Seiten, 22 Abbildungen 

KRAUTin Verlag

9,80 EUR

„Was er sieht, geht uns etwas an.“

Nachwort zu „Im Wald und an seinen Rändern“ von Brigitte Labs-Ehlert


Der Wald ist unser liebstes Kind. Er gilt als Inbegriff der Natur und Gegenwelt zur Zivilisation. Der Wald ist nicht Wildnis, aber er dient auch nicht nur ökonomischen Interessen und der Erholung. Er hat nicht nur eine Geschichte, sondern ist stets ein Spiegel unseres Umgangs mit Natur – und mit unserer Lebenswelt und Lebenswirklichkeit. ‹Eine Kultur ist nur so gut wie ihre Wälder›, diese Einsicht des englischen Dichters W. H. Auden ist in unseren Tagen der Naturkatastrophen und der Klimaerwärmung besonders wichtig. 


Nachdenken über unsere Natur


Betrachten wir eine Waldlandschaft, dann sind der Zusammenhang und die gegenseitige Wechselwirkung von Natur, Kultur und Interpretation zu bedenken. Kaum eine andere Landschaft ist so aufgeladen wie die Waldlandschaft, in ihr wohnen antike Götter, jüdisch-christliche Vorstellungswelten von der Wurzel Jesse lassen sich dort finden, die heiligen Bäume der germanischen Mythologie tragen Himmel und Erde, da gibt es den lieblichen, schönen Ort draußen vor dem Tore und den tabuisierten Ort, wo böse Dämonen auf Richtstätten ihr Unheil treiben.  Im Wald fand Robin Hood seine Freiheit, aber auch Hänsel und Gretel emanzipierten sich auf einer Waldlichtung, und bei Shakespeare verlaufen und verirren sich viele Protagonisten zunächst im Wald, bevor sie geläutert zu sich finden. Der Wald ruft uns zum Nachdenken über unser Verhältnis zu Natur  und Kultur auf. Wer in den Wald geht, betritt eine andere Welt und verwandelt sich.


Entfremdung in der Ästhetik aufheben


Martin Zellerhoff hat für die Schwalenberger Ausstellung ‹Im Wald und an seinen Rändern› eine Werkgruppe von 27 Exponaten in Farbe und Schwarzweiß aus den Jahren 2016 bis 2019 zusammengestellt, die Waldstücke aus Kolumbien, Frankreich sowie in Deutschland Waldlandschaften aus Berlin, Brandenburg, der Eifel und aus Schwalenberg zeigen. Wir haben uns von der Natur entfremdet, den Wald ausgebeutet und geschunden. Diese Entfremdung wird aufgehoben in der ästhetischen Zuwendung zur Waldlandschaft. Martin Zellerhoffs Arbeiten greifen Motive auf, an welchen die Philosophie seit dem 17. Jahrhundert Kategorien des Erhabenen festgemacht hat. Man kann an Edmund Burke denken, der in ‹Philosophische Untersuchung über den Ursprung unserer Ideen vom Erhabenen und Schönen› als höchste Wirkung des Erhabenen das Erschauern und einen gewissen ‹Grad von Schrecken› benennt, deren Quelle zum Beispiel die vollkommene Leere, die lichtlose Finsternis, die absolute Einsamkeit sein können, aber auch übergroße, unübersichtliche Dimensionen, Gleichartigkeit einzelner Teile, Unvollendetheit angenehmer Objekte, Plötzlichkeit. Das Erhabene ist keine Kategorie von Gestern, sondern ihr ist eine radikale Negativität, Widerständigkeit und Kritik inhärent. Weitergedacht ist eine Wandlung der Ästhetik möglich ‹zu einer generellen, gerade auch wirklichkeitsbezogenen Disziplin, die der Beachtung von Heterogenität dient› (Wolfgang Welsch, Adornos Ästhetik). 


Barometer des Vertrauten


In den Arbeiten von Martin Zellerhoff wird der Betrachter mit einer realen, durch das glaubwürdige Medium der Fotografie festgehaltenen Welt der vertrauten Waldumgebung konfrontiert. Durch Perspektive, Lichteinfall, Bildausschnitt wird die Wahrnehmung konzentriert und es werden neue Kräfte und Strukturen sichtbar. Der Blick wird auf die Bäume gelenkt. Bäume sind das Barometer des Waldes, sie reagieren auf Wetter und die Jahreszeiten, auf Schmutz und Lärm. Lesen wir in Zellerhoffs Arbeiten ein Alphabet? Bringen die Bäume den Wald zum Sprechen? Es gibt Waldstücke, in denen die Bäume ihre Äste in den Himmel strecken und sich ein Geflecht aus Ast-Texturen ergibt. Es gibt die gerade ausgerichteten Baumreihen, den marschierenden Wald, bei dem kein Baum aus Reih und Glied tritt. Bäume bilden Nachbarschaften und tuscheln miteinander. Licht und Schatten setzen Akzente, betonen immer wieder einen Baum-Außenseiter, der sich von der Umgebung absetzt. Die Vielfalt und Heterogenität, die Individualität jeden Baumes, Stammes oder Astes wird sichtbar. Die Macht der Elemente, des Windes und des Feuers, wird an den verletzten Stämmen, den Narben auf der Rinde erkennbar. Dann spricht das Bild und man hört den Wind durch die Blätter rauschen, jeder Baum hat dabei eine eigene Klangfarbe, man hört das Krachen und Zersplittern des Holzes, wenn die Krone fällt, man hört das Stöhnen des Holzes, wenn die Säge angesetzt wird. Zeichen werden sichtbar: viele Kreuze und Galgen erscheinen in den umgestürzten Bäumen, die eine Kette von Buchstaben bilden, ein A, ein W, ein Z und ein T.


Distanz und Perspektive


Das große Format der Arbeiten ermöglicht dem Betrachter ein direktes Eintauchen in das Bild, der Blick gleitet über den Vordergrund in die Tiefe und bleibt an Details hängen. Wo steht der Betrachter? Meist am Rand, vor dem Bild. Aber bei den abstrakten Schwarzweißfotografien verliert man fast die Orientierung und der Blick gleitet von Linie zu Linie, von den hellen Leerstellen zu den dunkleren Umrissen. Diese Verunsicherung ist Teil der Bildkonzeption, die formal gebauten Arbeiten öffnen sich dem bildlesenden Blick. Die Ausschnitte sind genau gewählt und sind eine streng kalkulierte Komposition.


Rückverwandelte Individuen


„Im Wald und an seinen Rändern“ gibt eine Ortsbezeichnung vor und kennzeichnet eine Haltung. Man sieht in den Wald hinein, aber man schaut nicht hindurch, nur sehr selten zeichnet sich der Himmel als ein diffuses Helles im Bildhintergrund ab, man ahnt den Himmel, weil man weiß, dass es ihn gibt, aber der Wald liegt davor, oft schwer, undurchdringlich, gestaffelt in immer dunklere Farben. Der Rand ist der Bildrand, der Standpunkt des Betrachters, denn während man sich Schicht um Schicht in das Bildinnere vortastet, wird die Position des Betrachters und also auch des Fotografen nicht sichtbar.  Und doch nehmen beide, Betrachter und Fotograf, eine Haltung ein: sie sind Augenzeuge und Teilnehmer eines Prozesses, der den Wald verwandelt, rückverwandelt in Baum-Individuen, die sich von der Masse der  militärisch marschierenden Bäume abheben. Auch hier ein Dialog zwischen Natur und Zivilisation. Es gibt keine Figuren im Bild, keine Menschen, keine Tiere und auch keine Gegenstände, die symbolische Bedeutung haben und die man in Traditionslinien einordnen könnte. Dieses Fehlen macht deutlich, dass Martin Zellerhoff seine eigene Tätigkeit, den Blick durch die Kamera, zum Gegenstand seiner Kunst macht. Was er sieht, geht uns etwas an. 

Im Wald 

und an seinen Rändern